Chandler-Limited_Michael_Beinhorn_Teil2

Zweiter Teil der „Harmonic Distortions“ Interview-Reihe mit dem Produzenten Michael Beinhorn.

Die Credits des Produzenten Michael Beinhorn umfassen einige der wichtigsten Rock-Aufnahmen der jüngeren Musikgeschichte – von den Red Hot Chili Peppers, über Aerosmith und Marilyn Manson bis hin zu Ozzy Osbourne und Korn. Im zweiten von insgesamt drei Interview-Teilen der „Featured Artist“-Reihe spricht Michael Beinhorn mit Chandler Limited über unterschiedliche Produktionskonzepte sowie die Kombination aus digitalem und analogem Recording.

Chandler Limited: Was sind die zentralen Bestandteile einer erfolgreichen Produktion?

Michael Beinhorn: Meiner Meinung nach geht es darum, zwei verschiedene Bedingungen zu schaffen: Einerseits die generelle Umgebung, in der sich der Künstler vollkommen frei ausdrücken kann. Andererseits muss ich auch all meine Ideen problemlos einbringen können. Ich versuche in dieser Hinsicht, so offen wie möglich zu sein bzw. zu bleiben. Dies ist meiner Meinung nach die zentrale Aufgabe eines Produzenten: Du musst der bestmögliche Kanal für sämtliche Ideen sein.

CL: Wie ordnest du demnach EQs, Kompressoren, Mikrofonvorverstärker usw. ein – als kreative Instrumente oder als Handwerkszeug?

MB: Ich habe festgestellt, dass viele Personen den Aufnahmeprozess lediglich als nützlichen, unterstützenden und beinahe beiläufigen Prozess auf dem Weg zum Endresultat einer Produktion ansehen. Das ist nicht vollkommen falsch, aber eben auch nicht die gesamte Wahrheit. Die Aufnahme an sich ist untrennbar mit dem Endresultat verknüpft und bestimmt diese genauso wie der Song selbst. Nimm beispielsweise „Dark Side of the Moon”. Unzweifelhaft ein Meisterwerk – nicht nur als Song, sondern auch hinsichtlich der Kreativität der Aufnahme selbst. Stell dir vor, was aus diesem Song bzw. dieser Aufnahme geworden wäre, wenn Pink Floyd kein Interesse daran gehabt hätten, zu experimentieren und kein Interesse an einem besonderen Klang gehabt hätten. Stell dir vor, sie hätten den Song einfach so in ein paar Tagen aufgenommen. Der springende Punkt ist: Alles hängt zusammen und spielt eine Rolle für das Endergebnis, bis hinunter zu technischen Entscheidungen, wie der Wahl der Mikrofone und Kompressoren. Im besten Falle sind all dies natürlich bewusst getroffene Entscheidungen von qualifizierten Technikern, die wissen, wie man sämtliche Einzelteile zu einem einzigartigen Ganzen zusammenfügt.

CL: Häufig wird versucht, diesen oder jenen Sound von Produktion XY bis hinunter zum exakt gleichen Signalpfad zu imitieren. Wie stehst du dazu?

MB: Meiner Meinung nach eignet sich Wiederholung sehr gut, um zu lernen und zu verstehen, wie etwas gemacht wurde. Andererseits sollten das Kopieren nicht zum charakteristischen Element der eigenen Arbeitsweise werden. Auf diese Weise verkauft man sich nur unter Wert. Je gründlicher man eine bereits existierende Technik beherrscht, desto besser kann man diese über den Haufen werfen und seine eigene Version, seine eigene Sprache daraus entwickeln. Nur so entwickelt man sich weiter.

CL: Lass uns nun stärker zur technischen Seite der Musikproduktion kommen. Nimmst du noch auf Band auf, seit du mit Digitaltechnik arbeitest?

MB: Ich habe schon länger kein Band mehr verwendet. Der Hauptgrund liegt in der Logistik des Equipments begründet. Das letzte Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe, fand in einer Autowerkstatt statt, das in einen Aufnahmeraum umgewandelt wurde. Dort gab es keine Bandmaschine. So gut wie jedes Studio, in dem ich in den letzten sieben Jahren gearbeitet habe, hatte keine Bandmaschine mehr. Versteh‘ mich nicht falsch – Ich habe nichts gegen Tonband, aber das Projekt muss einfach perfekt dazu passen.

CL: Wie ist dein Rig aufgebaut? Vertraust du auf ein hybrides Setup?

MB: Das hängt immer vom jeweiligen Projekt und den Gegebenheiten ab. Ich versuche, stets das Beste aus den zur Verfügung stehenden Ressourcen herauszuholen. Das kann eine analoge Recording-Konsole inklusive analogem Outboard und einem Sonoma-DSD-System sein, aber auch eine Handvoll analoger Preamps, die direkt in die DAW führen.

CL: Wie ordnest du das Digitale in deiner Arbeit ein – etwas, mit dem du einfach leben musst? Oder gibt es konkrete Aspekte, auf die du nicht mehr verzichten möchtest?

MB: Sicherlich bietet das PCM-Recording einige Vorteile, wie zum Beispiel die außergewöhnliche Transienten-Wiedergabe und natürlich den allgemeinen Bedienkomfort. Auf der anderen Seite: Die einzigen digitalen Aufnahmen, mit denen ich vollkommen zufrieden war, fanden in DSD statt. Wenn ich diese Aufnahmen – oder auch analoge Bandaufnahmen – mit PCM-Aufnahmen vergleiche, vermisse ich bei letzteren etwas im tonalen Bereich. Die meisten aktuellen Projekte setzen auf PCM, da es am weitesten verbreitet und letztendlich auch eine Frage des Budgets ist. Aber verstehe mich nicht falsch: PCM ist keineswegs schlecht – es ist nur nicht das Optimum dessen, was möglich ist.

CL: Lass uns nun über den Bereich der Pre Production sprechen. Wie gehst du an diesen Prozess heran?

MB: Das hängt von einer ganzen Reihe an Variablen ab: Was will der Künstler erreichen? Wie sind die Arrangements aufgebaut und welche besonderen Elemente sind in der Musik enthalten? Welche Vision habe ich hinsichtlich des Künstler? In der Regel sind die Künstler, mit denen ich arbeite, allesamt unglaublich talentiert und benötigen lediglich Hilfe hinsichtlich der strukturellen Umsetzung ihrer Ideen. Dazu ist es erforderlich, tief in die Materie einzutauchen und auch einmal ungewohnte Wege zu gehen – sowohl für den Künstler als auch für mich. Die Pre Production definiert somit den Weg der weiteren Produktion.

CL: Weißt du bereits in dieser Phase, welche klangliche Ausrichtung jede einzelne Spur nehmen wird? Oder ergibt sich dies organisch im Verlauf der weiteren Produktion?

MB: Bis zu einem gewissen Grad steht so etwas schon fest, ja. Je analytischer ich an die Musik herangehe, desto stärker prägt sich die klangliche Gestalt im Detail aus. Das betrifft nicht nur mich als Produzent, sondern ebenso den Künstler. Je detaillierter diese klanglichen Vorstellungen, desto besser kann ich natürlich einschätzen, mit welchen technischen Mitteln und Methoden sich diese erreichen lassen. Nichtsdestotrotz ergeben sich im weiteren Verlauf einer Produktion derart viele neue Variablen, so dass sich Teile oder auch das gesamte Bild nochmal komplett ändern können. Und genau dieser Grad an Ungewissheit macht die ganze Faszination der Musikproduktion aus.

CL: Wie gehst du an eine Albumproduktion heran? Versuchst du, eine übergeordnete tonale Textur für alle Songs beizubehalten oder sollen sich die einzelnen Songs bewusst voneinander unterscheiden?

MB: Meiner Erfahrung nach erzählt dir jeder Song, welche Klangstruktur und welches Arrangement er braucht – du musst nur genau hinhören. Im besten Fall fühlt es sich an, als ob man vom jeweiligen Song wie von selbst in die richtige Richtung geleitet wird.

CL: Nach der Pre Production: Der erste Studiotag. Wie startest du die Aufnahmesessions? Fängst du immer mit einem bestimmten Instrument an?

MB: Das hängt vom Genre ab. Bei Rock-Produktionen kommen die Drums immer als erstes. Generell versuche ich, die grundlegenden Elemente eines Songs als erstes aufzunehmen, um einen guten Unterbau für die weiteren Spuren zu haben. Hin und wieder versuchen wir jedoch ganz bewusst, einen anderen Weg zu gehen, zum Beispiel einen Großteil der Band live aufzunehmen. Manchmal klingen die Drums einfach besser, wenn sie live mit den Bandkollegen eingespielt werden.

Den kompletten zweiten Teil des “Harmonic Distortions Teil II”-Interviews mit Michael Beinhorn finden Sie hier.

Im demnächst erscheinenden dritten Interview-Teil sprechen Chandler Limited und Michael Beinhorn über die Produktion der „Wedding Day“-EP von Courtney Love.

Mehr über Michael Beinhorn finden Sie auf der Webseite des Produzenten.