Chandler Limited Michael Beinhorn Interview Teil 1

Der Produzent im Interview über seine Arbeitsweise und die Musikindustrie (Teil 1)

Michael Beinhorns künstlerischer Werdegang umfasst unterschiedliche Funktionen: Produzent, Engineer, Komponist, Arrangeur, Musiker, technischer Innovator sowie Betreuer einiger der wichtigsten Rock-Aufnahmen der jüngeren Musikgeschichte. Die Liste liest sich wie das Who-is-who des Rock: Red Hot Chili Peppers, Soul Asylum, Sound Garden, Aerosmith, Hole, Marilyn Manson, Ozzy Osbourne, Korn u.v.m. Aufbauend auf seinen unschätzbaren Erfahrungen in der Musikproduktion hat Michael seinem Lebenslauf nun einen weiteren Eintrag hinzugefügt: als Autor des Buchs ‘Unlocking Creativity: A Producer’s Guide to Making Music and Art.

Seit vielen Jahren schwört Michael auf die Produkte von Chandler Limited. Auch für die Aufnahmen der neuen Courtney Love EP “Wedding Day” in Tommy Lees Studio “The Atrium” Anfang 2014 verwendete Beinhorn einige prominent eingesetzte Geräte des Herstellers.

Im folgenden Interview mit Chandler Limited spricht Michael Beinhorn über seine Einschätzung der heutigen Musikindustrie, seine ganz eigenen Produktionsmethoden und Equipment-Favoriten sowie die “Wedding Day EP” Sessions mit Courtney Love und Chandler Limited.

Chandler Limited: Nachdem du scheinbar permanent über verschiedene Zeitzonen und Länder kommuniziert und die Courtney Love-Session koordiniert hast, während du noch für eine andere Produktion in Europa warst, sind wir überzeugt, dass du nicht nur ein großartiger Produzent, sondern auch ein wahrer Zeitreisender bist … Nach so vielen Aufnahmen – wie hälst du das kreative Feuer am brennen?

Mchael Beinhorn: Ich dachte immer, es muss mit diesem niemals versiegenden Feuersee rund um die Langerhans-Inseln zusammenhängen (lacht). Im Ernst: Es ist diese verrückte Vorstellung, dass eine Aufnahme stets ein gemeinsamer Ausdruck kreativer Ideen sein kann, dass alle zusammen – Künstler, Engineer, Produzent, etc. – zu einem Team aus Künstlern verschmelzen, das ein gemeinsames Ziel erreichen will. Nur dann kann das Ergebnis so viel größer werden als das, was man alleine erreichen kann. Dieser Zusammenschluss macht süchtig und erzeugt die größte Kraft, die ich jemals erlebt habe. Das ist immer wieder ein Jungbrunnen für mich.

CL: Du warst kürzlich für eine längere Zeit in Europa und hast auch einen Großteil deines Equipments mitgenommen – auch deinen Chandler Limited Mini Rack Mixer. Kannst du uns mehr über dieses Projekt erzählen?

MB: Ich habe mit der Band Mew in Kopenhagen gearbeitet, mit der ich bereits 2004 gerbeitet hatte. Wir haben in den STC Studios am Editing der Spuren gefeilt. Das Overdubbing erfolgte im Probenraum der Band (der vorher eine Autowerkstatt war) sowie in der Wohnung des Sängers. Es war eine große Herausforderung, diese beiden Räume für die Aufnahmen und die Wiedergabe herzurichten. Der Probenraum bestand aus zwei separaten Räumen, die durch zwei große Löcher in der Trennwand verbunden waren. Zudem waren die Wände mit Gips verputzt. Am Anfang war die Band sehr skeptisch als ich die akustische Trennung der beiden verbessern wollte. Aber nachdem der Gitarrist seinen verstärker in einem der beiden Räume aufstellte und über ein Kabel im anderen Raum zu spielen begann, stellte er fest, dass der Verstärkersound in seinem Raum nahezu genauso laut war wie in dem Raum, in dem sich der Verstärker befand. Nachdem ich realisiert hatte, dass die Wohnung des Sängers sowie der Probenraum unveränderliche Faktoren in der Aufnahmegleichung waren, brachte ich einiges an Equipment mit, von dem ich wusste, dass wir es definitiv brauchen würden. Gott sei Dank hatten wir den Chandler Mini Rack Mixer dabei.

CL: Die Produktion von Musik lässt sich wohl mit keiner anderen Kunstform vergleichen. Jedes Element birgt potenzielle Komplikationen und Abhängigkeiten. Als Produzent bist du der Anführer, musst manchmal auch eine Art Psychologe sein. Wie gehst du in einer Session damit um, wenn die Atmosphäre nicht mehr passt oder jemand im Team nicht mitziehen will?

MB: Ich habe schon viele dieser Situationen erlebt und habe dabei gelernt, dass jeder Mensch einzigartig ist und je nach den Umständen anders reagiert. Deshalb versuche ich immer erst einmal zu verstehen, was passiert ist und ob etwas bzw. was geändert werden muss, um das Projekt wieder zum Laufen zu bekommen. Von diesem Punkt an vertraue ich auf meine Intuition, um eine kreative Lösung für das Problem zu finden. Kreative Prozesse sind äußerst fragil. Somit ist es schwierig, genau vorherzusagen, was diese Prozesse zerstören kann und ab wann dies passiert. Und da niemand vorhersagen kann, was passiert, versuche ich, aufgeschlossen und flexibel zu sein.

CL: Du bist bekannt für deine sehr rocklastigen Aufnahmen – wie verlief dein Weg von Herbie Hancocks Future Shock zu Hole, Marilyn Manson und Korn? Das ist doch ein ziemlicher Kontrast, oder?!

MB: Alles in allem ist das gar kein so großer Unterschied. Du musst bedenken, dass ich aus einer Zeit stamme, in der die Leute musikalisch viel mehr experimentiert haben als heute und die künstlerischen Grenzen permanent durchbrochen wurden. Beim Publikum verhielt es sich genauso. Ich bin mit allen Formen der Musik vertraut. Von daher gilt für mich: Es gibt viele Wege, aber nur eine Wahrheit.

Angefangen habe ich ursprünglich mit experimenteller elektronischer Musik. Innerhalb von drei Jahren bin ich beim Hiphop gelandet, was wiederum prägend für die Zusammenarbeit mit Herbie Hancock war. Von diesem Punkt war es nur ein Katzensprung zu einer Band wie den Red Hot Chili Peppers, die stark vom R&B und Funk, aber auch von Rock und Punk beeinflusst sind. Von diesem Standpunkt aus ist meine Entwicklung also durchaus nachvollziehbar.

CL: Alle, die mit dir Zeit verbringen oder deine Reflexionen auf deinem Blog lesen, bestätigen, dass du eine enorme Leidenschaft für unsere Branche besitzt. Nun hat sich die Musik- und Recordingindustrie im Verlauf deiner Karriere sehr stark gewandelt. Welche sind für dich die weitreichendsten Veränderungen und wie beeinflussen diese deine Produktionen?

MB: Für mich gibt es drei wesentliche Revolutionen innerhalb der letzten 30 Jahre: die veränderte Verbreitung von Musik, die Musikpiraterie sowie die Tatsache, dass die Herstellung von Musik zusehends systematischer und dekonstruierbar geworden ist. All dies resultiert in – oder ist das Resultat von – schrittweise zurückgehenden Umsätzen innerhalb der Musikindustrie. Mich erinnert das häufig an eine Schlange, die sich selbst auffrisst. Eine weitere Konsequenz: Künstler, die abseits herkömmlicher Pfade produzieren wollen, um ihren kreativen Prozessen gerecht zu werden, werden kaum noch unterstützt. Die nachlassenden Einnahmen haben zudem zu einem Abbau der Infrastruktur in der Musikindustrie geführt, was wiederum eine größere Angst vor Misserfolgen bewirkt. Und wenn Menschen Angst haben, tendieren sie zu Sicherheitsentscheidungen ohne langfristige Vision. Wenn du einen bereits etablierten Standard aufrecht erhalten willst, kann das funktionieren. Wenn du aber einen neuen Weg beschreiten wilst oder einfach nur du selbst sein willst, passt das nicht zusammen.

Chandler Limited Michael Beinhorn Frank Filipetti - Quad Studios NY 1998 Michael Beinhorn und Frank Filipetti in den Quad Studios NY 1998 bei der Arbeit an “Celebrity Skin” von Hole

CL: Wenn die traditionelle, große Musikindustrie also immer mehr verkümmert – gibt es Künstler, die bereits mit der nötigen Infrastruktur bzw. einem ausreichend vorhandenem Promotionsnetzwerk für ihr Projekt auf dich zukommen?

MB: Nachdem die Musikindustrie zusehends von einem Goliath zu einem kümmerlichen Rest geschrumpft ist, verfügen alle Künstler, mit denen ich in letzter Zeit gearbeitet habe, über unabhängige Netzwerke bzw. Finanzierungen ohne Plattenfirmen-Abhängigkeit oder den unbedingten Wunsch, einen solchen Vertrag zu unterzeichnen. Es scheint mir, als wolle ein Großteil der Künstler neue Möglichkeiten ausprobieren, um ihre Arbeit zu finanzieren – insbesondere, da die traditionellen Wege immer unsicherer werden.

CL: Hat die immer kleiner werdende Industrie und verkümmerte Infrastruktur auch zu einem bewussten Ausblenden aller Entwicklungen abseits des angepassten Mainstreams geführt? Wird aus Angst vor Misserfolgen immer auf die gleichen, funktionierenden Kozepte gesetzt?

MB: Meiner Meinung nach hat diese konformistische Mainstream-Denkweise das Absterben in der Musikindustrie überhaupt erst in Gang gebracht. Das immer Gleiche ist häufig ein Ausdruck von Angst, auch in der Musikindustrie. Angst und Konformität gehen Hand in Hand und ich erkenne in diesem Punkt eine Art Muster. Der Fokus des Musikbusiness richtet sich seit längerer Zeit zusehends auf den wirtschaftlichen Faktor und immer weniger auf die Musik selbst. Und um die Profite zu maximieren werden immer größere Anstrengungen unternommen, die Erstellung von Musik zu systematisieren. Darunter leidet letztendlich die Qualität dieser Kunstform. Dieser Prozess ergibt für mich keinen Sinn, denn genau das – qualitativ hochwertige Kunst – ist es doch, was die Musikindustrie verkaufen will. Ich glaube, dass die meisten Personen in der Branche nicht über den sicheren, planbaren Tellerrand schauen können. Die Fähigkeit, Qualität zu erkennen, zu fördern und weiterzuentwickeln ist schon lange kein Kriterium mehr für Manager von Plattenfirmen. Inmitten all dieser Entwicklungen ignorieren die beteiligten Personen die Tatsache, dass immer mehr Menschen Musik hören und trotzdem immer weniger Menschen Musik kaufen, die genau dafür gemacht wurde. Der erste Millionen-Seller 2014 wurde erst Ende November 2014 veröffentlicht – das ist bezeichnend und erschreckend zugleich.

CL: Siehst du ein neues Genre bzw. eine neue Entwicklung am musikalischen Horizont, die zu einem Umdenken führen kann?

MB: Für mich ist relevante Musik in erster Linie ein Ausdruck von Emotionen. Aus diesem Grund richtet sich wahre musikalische Größe nicht nach Genregrenzen. Ein großartiges Stück Musik muss dich gefangen nehmen und verfügt über eine instinktiv spürbare Qualität. Musikalische Größe kennt keine spezifische Richtung oder Genre. Ganz allgemein würde ich mir mehr Musik wünschen, die einen einzigartigen Ausdruck des Künstlers vermittelt – direkt, emotional ungefiltert und ausdrucksstark. Ich bin überzeugt davon, dass wieder mehr Menschen bereit wären, Geld für Musik auszugeben, wenn es heutzutage mehr Musik mit genau diesen Qualitäten gäbe.

CL: Diese couragierte Haltung hast du dir in Anbetracht deiner zahllosen Sessions und Produktionen wirklich verdient. Ein anderes Thema: Du hast vor kurzem deine Art der kreativen Zusammenarbeit mit Künstlern überdacht und geändert. Wie kam es dazu und wie lautet bislang dein Fazit?

MB: Meine ganze Arbeitsweise hat sich weiterentwickelt. Vielelicht bin ich mir meines Workflows einfach nur bewusster als früher. Ein Grund dürfte mit Sicherheit die zunehmende Vereinheitlichung der Musik sein. Ich wollte eben nicht in genau diese Falle tappen, denn diese konformistische Haltung gefährdet die Arbeit der Künstler. Darüber hinaus ist es sehr schwierig, die Einzigartigkeit jedes einzelnen Projekts aufrechtzuhalten, wenn der Druck, so schnell wie möglich fertig zu werden, immer größer wird. Aus diesem Grund musste ich meine Arbeitsweise anpassen, um dem Künstler in jedem Moment seines Schaffens entgegenzukommen und ihm genau das zu beiten, was er braucht.

CL: Wonach suchst du bei der Arbeit mit einem Künstler? Was reizt dich an einem potenziellen Projekt?

MB: Das hat ganz viel mit dem Art und Weise zu tun, wie ich das Medium an sich wahrnehme. Seit ich Musik als eine Art der Kommunikation verstehe, muss ich mich auf eine instinktive Weise mit der Arbeit eines Künstlers verbunden fühlen, um mich voll und ganz darauf einlassen zu können. Die Musik muss mich unmittelbar ansprechen. Das ist eine sehr persönliche Beziehung, aber alles andere ist Zeitverschwendung für jeden Beteiligten. In der Regel existiert immer ein ganz besonderes Element, das genau diese tiefe Verbindung zu einem Projekt verursacht dir hilft, alles dafür zu geben: ein bestimmter Song, der Sound der Band, die Sensibilität, die aus der Musik zu dir spricht, etc. Das ergibt für mich Sinn. Wenn man für etwas wirkliche Leidenschaft verspürt, inspiriert dich das permanent und du machst den bestmöglichen Job.

CL: Die von dir produzierten Alben vermitteln stets eine Art von Auseinandersetzung zwischen der Musik und ihrer Präsentation. Beide Faktoren scheinen auf eine bestimmte Art miteinander zu reagieren und sich gegenseitig zu befruchten. Versuchst du bewusst, derartige Grenzen auszuloten?

MB: Das ist kein bewusster Vorgang. Ich versuche stets, offen für jegliche kreativen Möglichkeiten zu bleiben und reagiere allergisch auf die Aussage “Das geht nicht. Das macht man anders”. Es macht mir Spaß, einen Künstler über seine – in der Regel selbst-gesetzten – Grenzen zu treiben. Ich bin immer wieder verblüfft, welchen weiten Weg kreative Prozesse in einer Gruppe nehmen können, wenn alle an einem Strang ziehen. Meiner Erfahrung nach verschwinden diese Grenzen von selbst, wenn du mutig genug bist, dich von deinen Erwartungen zu lösen.

Im nächsten Teil der Serie sprechen wir mit Michael Beinhorn über die verschiedenen Produktionskonzepte. Bis dahin empfehlen wir Ihnen Michaels neues Buch Unlocking Creativity: A Producer’s Guide to Making Music and Art.