Mit der Band „Unheilig“ um den Sänger  „Der Graf“ feierte der Keyboarder und Produzent Henning Verlage in den letzten zwei Jahren enorme kommerzielle Erfolge. Speziell in den letzten zwölf Monaten wurde Unheilig mit Preisen wie dem Comet, dem Bambi oder dem Echo belohnt – viel Anerkennung für viel harte Arbeit und ein ausgeprägtes Gefühl für atmosphärische Melodien, die den Zuhörer berühren. Nebenher findet der studierte Diplom-Musiker trotzdem genug Zeit und Muße, als Produzent, Instrumentalist und Engineer aufstrebende Projekte wie „Letzte Instanz“ oder „Eisbrecher“ zu betreuen. Zudem sorgt er als Dozent für Popularmusik an der  Musikhochschule Münster dafür, dass junge Talente den ichtigen Einstieg in die Musikwelt finden.

Wir haben uns während der aktuellen Unheilig-Tour „Heimreise“ mit Henning unterhalten.

Hallo Henning, das war ein ziemlich erstaunliches Jahr für Dich: Mit Deinem Hauptprojekt Unheilig feierst Du enorme Erfolge und findest nebenher trotzdem Zeit, andere Projekte zu produzieren…

Henning: Das war wirklich ein sehr ereignisreiches Jahr für uns und bedingt durch den großen Erfolg nimmt Unheilig im Moment natürlich die meiste Zeit in Anspruch. Ich habe allerdings auch vorher schon immer andere Bands und Projekte als Produzent, Keyboarder, Programmer oder Remixer unterstützt und möchte das auch beibehalten, weil ich die Vielfalt mag. Außerdem bekommt man durch den Austausch mit anderen Musikern immer neue Einflüsse, die einen selbst auch weiterbringen: Man muss einfach neugierig bleiben, man lernt nie aus. Dazu kommt noch meine Tätigkeit als Dozent für Musikproduktion an der Musikhochschule der Uni Münster im Studiengang „Keyboards & Musikproduktion“ sowie Workshops in der Fachpresse.

Wie würdest Du Deine Tätigkeit als Produzent beschreiben? Wo fängt bei Dir das Produzieren an, wo hört es auf?

Henning: Ich glaube, die Rolle des Produzenten ist schwer zu beschreiben, weil das viele Dinge beinhaltet, die mal mehr, mal weniger gefragt sind: Das ist von Projekt zu Projekt verschieden. Kurz zusammengefasst sollte man als relativ objektive Person dafür Sorge tragen, dass man innerhalb der gegebenen Zeit ein in künstlerischer wie auch technischer Hinsicht hochwertiges Produkt abliefert. Das beinhaltet Aspekte wie die Organisation der Studiozeit und Budgetverwaltung, technische Belange wie Aufnahme, Edits und Mix bis hin zu musikalischen Dingen wie Arrangement, Einspielen der Instrumente und das Songwriting. Man muss jeweils schauen, was genau gerade gebraucht wird – klare Grenzen gibt es nicht.

Du bist also Produzent, Songwriter und Mixing Engineer in Personalunion?

Henning: Ja, das kommt oft vor. Manchmal ergibt sich spontan während einer Produktion eine Songwriting-Session. Oder es wird noch Songmaterial benötigt und man kann etwas dazu beitragen. Das Arrangieren, Programmieren, Einspielen, Aufnehmen und Mixen geht dann oftmals Hand in Hand. Je nach Projekt werden für die unterschiedlichen Aufgaben aber auch weitere Leute involviert. Hier in den Principal Studios, wo ich einen festen Raum habe, herrscht reger Austausch, und da wir alle mit dem gleichen System arbeiten, können Sessions schnell weitergegeben werden, so dass beispielsweise in einem Studio Schlagzeug aufgenommen wird, während im nächsten schon die Spuren editiert werden und in einem anderen Studioraum parallel gemixt wird.

Ursprünglich bist Du ja Keyboarder – warum bist Du auf die andere Seite des Mischpults gewechselt?

Henning: Als Wechsel würde ich das gar nicht bezeichnen, der Arbeitsbereich hat sich einfach nach und nach erweitert. Als Keyboarder in einer Band ist man oft derjenige, der schnell ein Arrangement erstellen oder ein Demo produzieren kann, weil du all die Sounds zur Verfügung hast und einen Sequenzer bedienen kannst. Zusätzlich dann weitere Instrumente und Vocals aufzunehmen, ist der nächste logische Schritt und schon ist man mitten in der Produktion und im Mix. Das war ein ganz natürlicher Prozess, der dazu führte, dass ich in Enschede (Niederlande) am Konservatorium das Fach „Musicproduction & Keyboards“ studiert habe, das ich eben heute selber in Münster unterrichte.

Mischt Du einfach intuitiv? Was sind Deine Grundlagen, wie gehst Du an einen Mix heran?

Henning: Die klassische Aufnahme-Mix-Teilung gibt es bei mir in der Regel nicht, weil man schon in der Songwriting- und Arrangierphase mit Plug-Ins arbeitet, damit die aufgenommenen Parts direkt gut im Arrangement sitzen und auch ein Demo schon aussagekräftig klingt: Damit ist das Mischen Teil des kreativen Prozesses. Ich mische dabei direkt in die Masterkette, um immer eine Vorstellung vom Endprodukt zu haben. Irgendwann kommt aber immer der Punkt, an dem die Aufnahmen beendet sind. Dann lege ich eine separate Mixing-Session an, in der nur noch Audiospuren mit den darin angelegten Plug-Ins enthalten sind. In dieser Session wird dann an Feinheiten und der Automation gearbeitet. Auch bei der Verwendung und Bedienung von Plug-Ins gehe ich eher intuitiv nach Gefühl aus der Musikerperspektive vor als nach technischen Aspekten.

Beschreib doch bitte einmal kurz Dein Standard-Setup…

Henning: Mein Standard-Setup ist ein Rechner mit Steinberg Cubase und einer voll ausgestatteten UAD-2 Quad-Karte. Dieses Setup nehme ich auch mit auf Tour, zusammen mit einem Paar Monitorboxen und einem kleinen portablen Masterkeyboard, so dass wir in jedem Backstage-Raum und in jeder freien Minute an neuen Songs arbeiten können. Im Studio nutze ich noch einen Universal Audio 1176 aus der limitierten AE-Edition in der Aufnahmekette.

Stimmt es, dass Du quasi ausschließlich im Computer, also „in the box“, mischt?

Henning: Ja, das virtuelle Studio ist inzwischen Normalität geworden und man ist wirklich sehr flexibel und unabhängig von Zeit und Ort. Ich habe sogar schon die Lounge im Nightliner zum Studio umfunktioniert und so unterwegs große Teile der letzten Live-DVD gemischt – das geht auch!

Außerdem ist heute jeder daran gewöhnt, Änderungen an einem Mix innerhalb kürzester Zeit bekommen zu können. Mein Rechner ist die Steuerzentrale meines Studios, externe Hardware wird über die Soundkarte direkt in den Sequenzer eingebunden. Ein Mischpult verwende ich nicht mehr, alle Aufgaben von der Aufnahme bis zum finalen Mix passieren direkt „in the box“. Die UAD Plug-Ins sind dabei eine wertvolle Hilfe, die ich nicht missen möchte.

Viele DAW-User schwören mittlerweile ja auf eine „analoge Summierung“ – ist das Summieren bzw. analoge Technik grundsätzlich überhaupt noch ein Thema für Dich?

Henning: Nein, denn gerade unterwegs will ich flexibel sein und so wenig Aufwand wie möglich betreiben müssen. Ich verwende analoge Komponenten gerne in der Aufnahmekette, doch sobald das Signal aufgezeichnet ist, wird es in der Regel ausschließlich im Rechner weiterbearbeitet. Mit den UAD Plug-Ins geht das „analoge“ Gefühl, was Sound und Handling betrifft, auch im Rechner nicht verloren!

Du bist UAD-User aus Überzeugung – welche Plug-Ins aus der UAD-Palette sind für Dich unverzichtbar?

Henning: Im Dauereinsatz sind bei mir der Cambridge EQ, der 1176, der LA2A und der SSL Buss Compressor. In der Masterkette verwende ich auch gerne die Precision Plug-Ins. Gerne und oft eingesetzt werden auch der Pulte EQ, der Fatso und die Roland-Effekte, die absolut unerreicht sind. Für Drum-Räume nehme ich sehr gerne das RealVerb Pro und für Vocals ist die EMT-140 Hallplatte mein Standard.

Wenn Du einen Wunsch frei hättest – welchen Signalprozessor würdest Du Dir für die UAD-Plattform wünschen? Was vermisst Du?

Henning: Ein klassisches Delay wie die alten TC oder Lexicon Delays, das wäre was!

Haben die Plug-Ins, die Du verwendest, auch einen Einfluss auf Dein Songwriting? Kommt es vor, dass Du einen bestimmten Effekt oder ein bestimmtes Sound-Design als Basis für die Komposition verwendest?

Henning: Auf jeden Fall – ich lasse mich immer gerne von Sounds inspirieren! Vielleicht ist es eine stark komprimierte Loop oder irgendein ein Fragment, das ich z. B. durch das Space Echo schicke und so eine bestimmte Emotion oder Atmosphäre hervorrufe oder einfach auf neue Ideen komme – das ich oft so.

Arbeitest Du mit festen Bearbeitungsketten, beispielsweise für die Vocals?

Henning: Bei der Aufnahme verwende ich wie erwähnt die Hardware-Version des Universal Audio 1176, der auch schon gut zupacken darf. Precision De-Esser, Cambridge EQ und LA2A sind danach als feste Effektkette angelegt, die bei Bedarf geändert oder erweitert wird. Auch sonst speichere ich mir gerne ganze Channelstrips für Kombinationen ab, die ich häufig nutze. Das vereinfacht die Arbeit erheblich.

Welche Erfahrungen hast Du mit der Kompatibilität Deines Setups gemacht? Musst Du Sessions auch auf anderen Systemen bearbeiten oder arbeitest Du ausschließlich auf Deinem eigenen System?

Henning: Wenn man eine Session herausgibt, macht man meistens Bounces der Spuren von einem festen Startpunkt aus, um eine größtmögliche Kompatibilität zu erreichen. Da muss man dann überlegen, welche Plug-Ins eingerechnet werden und welche nicht. Viele meiner Kollegen arbeiten aber ebenfalls mit den UAD Plug-Ins, da ist die Kompatibilität dann kein Thema. Aber meistens habe ich so oder so meinen Rechner mit den UAD Plug-Ins dabei, so bleibe ich in jedem Fall flexibel.

Verwendest Du unterwegs auch die mobile Lösung UAD-2 Solo/Laptop oder das UAD-2 Satellite System?

Henning: Im Moment nehme ich meinen Studiorechner überall mit hin, die UAD-2 Solo wäre mir nämlich schon zu klein! Daher bin ich froh, dass es nun die Satellite gibt, so werde ich mein Setup auf Dauer auf einen Laptop beschränken können.

Wie sieht es mit neuen Projekten aus? Was wirst Du als nächstes produzieren?

Henning: Im Moment läuft noch die aktuelle Unheilig-Tour, die noch bis September geht. Parallel arbeiten wir bereits am neuen Album, das 2012 erscheinen soll.

Henning, danke für das Gespräch!

Henning: Vielen Dank auch an euch!

Weblinks:

www.unheilig.com
http://www.henningverlage.de
http://k-mp.uni-muenster.de
www.principal-studios.de